Albanien 1912–1939: Von Fürst Wied bis König Zogu
In den ersten 27 Jahren seiner Unabhängigkeit kämpfte Albanien ums Überleben: Fürst Wied, Besatzung, der Kongress von Lushnja, die Republik und König Zogu prägten das Land bis 1939.

Inhalt10 Abschnitte
- Die Regierung von Vlora und die Londoner Konferenz
- Schule, Sprache und Bank
- Die Beschlüsse der Botschafterkonferenz
- Fürst Wied: ein halbes Jahr an der Macht
- Das Organische Statut
- Nordepirus und Mittelalbanien
- Warum Wied ging
- Albanien im Ersten Weltkrieg
- Das autonome Korça
- Freischaren, Diaspora und Literarische Kommission
- Pariser Friedenskonferenz und Kongress von Lushnja
- Der Kongress von Lushnja
- Der Krieg von Vlora 1920
- Machtkämpfe 1921–1924
- Parlament und Parteien
- Kirche und muslimische Gemeinschaft
- Junirevolution und Rückkehr Zogus
- Die Republik 1925–1928
- Die Pakte von Tirana
- Ordnung und Repression
- Das Königreich Zogu 1928–1939
- Italien erhöht den Druck
- Schule und Literatur
- Die Opposition
- Jenseits der Grenze: Albaner außerhalb von Albanien 1912–1939
- Häufige Fragen
In den ersten 27 Jahren seiner Unabhängigkeit kämpfte Albanien ums nackte Überleben. Für Albanien 1912–1939 hieß das: Die Großmächte setzten Herrscher ein und zogen Grenzen, im Ersten Weltkrieg besetzten fremde Armeen das Land, und 1920 baute der Kongress von Lushnja den Staat neu auf. Danach folgten Machtkämpfe, die Republik von 1925 und das Königreich Zogus, das mit der italienischen Invasion am 7. April 1939 endete.
Dies ist das fünfte Kapitel unseres Leitfadens zur Geschichte Albaniens: von der Regierung von Vlora bis 1939.
Die Regierung von Vlora und die Londoner Konferenz
Am 4. Dezember 1912, kurz nach der Unabhängigkeitserklärung, bildete sich in Vlora eine Provisorische Regierung unter Ismail Qemali, sein Stellvertreter war Dom Nikollë Kaçorri. Über das Schicksal des Landes entschied jedoch die Botschafterkonferenz der Großmächte in London.
Die Unabhängigkeit wurde am 28. November 1912 ausgerufen, und noch am selben Tag schickte Ismail Qemali ein Telegramm an die Großmächte: Er teilte ihnen die Gründung des neuen Staates mit und bat um die Anerkennung Albaniens und seiner Regierung. Die Regierung selbst entstand wenige Tage später. Qemali erklärte, Albanien bleibe im Ersten Balkankrieg neutral und wolle mit seinen Nachbarn in Frieden leben.
Trotzdem legte die Regierung von Vlora die Grundlagen des Staates. Sie verabschiedete den „Provisorischen Kanun der Zivilverwaltung“ und den „Kanun über das Geschworenengericht“, führte eine neue Verwaltungsgliederung ein und schuf staatliche Gerichte, die von den religiösen Institutionen getrennt waren. Ihr Gegenspieler war Esad Pascha Toptani. Er gründete in Durrës einen eigenen „Ältestenrat Mittelalbaniens“, ein Beispiel für die Abspaltungsbestrebungen jener Jahre.
Die Anerkennung erreichte Vlora nie. Die Großmächte und die Nachbarstaaten betrachteten ihre Regierung nicht als gesamtnationale, sondern als lokale Regierung, ebenso wie den Senat Mittelalbaniens in Durrës. Im Februar 1914 löste sich Esads Senat selbst auf und übergab die Macht der Internationalen Kontrollkommission.
Schule, Sprache und Bank
Neben Gesetzen und Gerichten kümmerte sich die Regierung von Vlora um die Bildung. Ihr Programm sah ein nationales Bildungssystem, eine allgemeine Grundschulpflicht und die Ausbildung von Lehrern vor. Die Normalschule von Elbasan öffnete wieder, ihr Direktor wurde Aleksandër Xhuvani.
Im August 1913 wurden Albanischkenntnisse für alle Staatsbediensteten Pflicht. Im Oktober 1913 beschloss die Regierung, mit österreichischem und italienischem Kapital eine Nationalbank Albaniens zu gründen.
Die Beschlüsse der Botschafterkonferenz
Den Vorsitz der Londoner Konferenz führte der britische Außenminister Edward Grey. Österreich-Ungarn und Italien unterstützten die Gründung eines albanischen Staates, Russland und Frankreich standen auf der Seite der Balkannachbarn, Großbritannien verhielt sich neutral.
Die Konferenz wurde am 17. Dezember 1912 eröffnet, an ihr nahmen Vertreter der sechs Großmächte teil. Noch am selben Tag beschlossen die Botschafter, ein autonomes Albanien unter der Oberhoheit des Sultans zu schaffen. Nachbarn des Landes sollten Serbien, Montenegro und Griechenland sein. Besonders heftig stritten Österreich-Ungarn und Russland um Shkodra, und am Ende blieb Shkodra bei Albanien.
Die Grenzen wurden abschnittsweise festgelegt: am 22. März 1913 die nördliche und nordöstliche, am 11. August 1913 die südliche.
Am 29. Juli 1913 beschloss die Konferenz, Albanien solle ein autonomes, souveränes und erbliches Fürstentum werden: unabhängig von der Türkei und unter der Garantie der Großmächte neutral. An seine Spitze sollte ein von den Mächten ernannter Fürst treten. Eine Internationale Kontrollkommission erhielt für zehn Jahre die Aufsicht über Zivilverwaltung und Finanzen. Sie nahm am 15. Oktober 1913 in Vlora ihre Arbeit auf.
Der Kommission gehörten je ein Vertreter der sechs Mächte und ein Vertreter Albaniens an.
Die Anerkennung hatte einen hohen Preis:
Kosovo fiel an Serbien und Montenegro.
Die albanischen Städte Tetovo, Dibra e Madhe (Debar), Gostivar, Kičevo und Struga lagen fortan jenseits der Grenze.
Der größte Teil der südlichen Çamëria blieb bei Griechenland.
Im Süden schloss die Grenze Korça ein und reichte bis zum Kap Stylos, die Insel Sazan blieb bei Albanien. Endgültig festgelegt wurde die Südgrenze im Dezember 1913 durch das Florentiner Protokoll.
Das Schicksal von Gjirokastra blieb zunächst offen. Die griechische Armee zog sich aus dem Süden nicht zurück, und die Gebiete südlich der Linie Himara–Korça blieben unter griechischer Militärverwaltung.
Im Januar 1914 traten Ismail Qemali und seine Regierung zurück (aufgelöst wurde die Regierung am 22. Januar), und die Macht ging an die Internationale Kontrollkommission über.
Fürst Wied: ein halbes Jahr an der Macht
Als Fürsten Albaniens wählten die Großmächte den deutschen Prinzen Wilhelm zu Wied aus dem Haus Wied-Neuwied. Er traf am 7. März 1914 in Durrës ein, machte die Stadt zur Hauptstadt und verließ das Land bereits am 3. September 1914 wieder, nach etwa einem halben Jahr.
Vorgeschlagen hatten Wied Österreich-Ungarn und Italien, die übrigen Mächte stimmten zu. Im Februar 1914 überreichte ihm eine albanische Delegation unter Esad Pascha Toptani in Neuwied in Deutschland die Krone. Die erste Regierung unter dem neuen Fürsten bildete Ministerpräsident Turhan Pascha Përmeti.
Das Organische Statut
Die Internationale Kontrollkommission arbeitete für ihn das Organische Statut aus, eine Verfassung mit 216 Artikeln. Sie hatte ihre Schwächen: Die osmanischen Kapitulationen blieben bestehen, der Staat stand weiter unter der Vormundschaft der Kommission, und der Fürst erhielt weitreichende Befugnisse, während das Gesetzgebungsorgan schwach blieb. Die Gendarmerie bauten niederländische Offiziere auf.
Das Statut wurde am 10. April 1914 angenommen. Es erklärte Albanien zu einem konstitutionellen, souveränen und erblichen Fürstentum unter der Garantie der sechs Großmächte. Amtssprache wurde das Albanische. Das Statut erkannte das Privateigentum sowie die Freiheit wirtschaftlicher, gesellschaftlicher und politischer Betätigung an.
Nordepirus und Mittelalbanien
Dass Wied sich nicht halten konnte, lag an mehreren Gegnern zugleich. Esad Pascha Toptani, Innen- und Kriegsminister, wurde im Mai 1914 der Verschwörung beschuldigt und nach Italien ausgewiesen. Im Süden operierten die „Heiligen Kompanien“, bewaffnete Einheiten der von Griechenland unterstützten „nordepirotischen“ Bewegung. Am 17. Mai 1914 gewährte das Protokoll von Korfu den Bezirken Korça und Gjirokastra Autonomie unter albanischer Souveränität. In Mittelalbanien schließlich brach 1914–1915 der Bauernaufstand von Haxhi Qamili aus, der das Land unter osmanische Herrschaft zurückführen wollte.
Die „nordepirotische“ Bewegung strebte den Anschluss der südalbanischen Gebiete an Griechenland an. Anfang 1914 griff sie zu den Waffen und wandte sich gegen die Beschlüsse über die albanisch-griechische Grenze. Im Februar 1914 wurde in Gjirokastra eine autonome Regierung des „Nordepirus“ unter Georgios Zografos ausgerufen.
Der Aufstand in Mittelalbanien brach am 17. Mai 1914 aus: Aufständische aus Tirana griffen eine Regierungseinheit an, die nach Süden zog.
Warum Wied ging
Für das Scheitern gab es mehrere Hauptgründe: die „nordepirotische“ Bewegung und die griechischen Truppen im Süden, den Aufstand in Mittelalbanien und den Beginn des Ersten Weltkriegs. Endgültig besiegelten die Großmächte selbst das Schicksal des Fürsten, allen voran Österreich-Ungarn und Italien, als sie ihm ihre Unterstützung entzogen.
Albanien im Ersten Weltkrieg
Im Ersten Weltkrieg besetzten Truppen beider Kriegsparteien Albanien: die Mittelmächte (Österreich-Ungarn, Bulgarien) ebenso wie die Entente (Italien, Frankreich, Griechenland). Eine einheitliche Staatsgewalt gab es nicht mehr, und die Aufteilung des Landes wurde in Geheimverträgen ausgehandelt.
Der Krieg begann am 28. Juli 1914, als Österreich-Ungarn Serbien den Krieg erklärte. Albanien, das gerade erst einen Fürsten bekommen hatte, lag sofort im Weg fremder Armeen.

Ende Oktober 1914 besetzte Italien die Insel Sazan und kurz darauf Vlora. Im April 1915 schloss die Entente mit Italien den geheimen Londoner Vertrag, um das Land als Kriegsverbündeten zu gewinnen. Italien sollte Vlora und Sazan bekommen, weitere Teile Albaniens wurden Serbien, Montenegro und Griechenland versprochen. Übrig bleiben sollte ein verkleinerter Staat in Mittelalbanien unter italienischem Protektorat.
In denselben Tagen, Ende Oktober 1914, rückten erneut griechische Truppen in Südalbanien ein. Im Juni 1915 besetzte die serbische Armee den Nordosten des Landes und stieß fast bis Durrës vor, die montenegrinische Armee den Nordwesten. Im Winter 1915–1916 besetzten bulgarische und österreichisch-ungarische Truppen Kosovo und weitere albanische Gebiete.
Ab 1916 hielt Österreich-Ungarn den größten Teil des Nordens und der Landesmitte besetzt. Am 10. Dezember 1916 entstand unter französischer Verwaltung die Autonome Albanische Republik Korça. Im Januar 1917 versprach Österreich-Ungarn den Albanern in Shkodra Autonomie für die Zeit nach dem Krieg, und am 3. Juni 1917 rief Italien in Gjirokastra die „Unabhängigkeit ganz Albaniens“ unter seinem Schutz aus. Bis November 1918 kontrollierte Italien den größten Teil des Landes, die Franzosen hielten Korça und Shkodra.
Das österreichisch-ungarische Versprechen in Shkodra war eine Antwort auf die französische Autonomie in Korça: Albanien wurde zum autonomen Land unter österreichisch-ungarischem Protektorat erklärt, seine Grenzen wurden jedoch nicht genannt. Die italienische Erklärung von Gjirokastra galt für ganz Albanien mit Ausnahme von Vlora.
Das autonome Korça
Französische Truppen rückten im Herbst 1916 in Korça ein, und im Dezember entstand dort in Absprache mit den Albanern ein autonomes Gebiet. Im Lehrbuch heißt es Autonome Provinz Korça.
Die Provinz verwalteten die Albaner selbst unter französischem Schutz. Der Verwaltungsrat bestand aus 14 Beamten, zur Hälfte Christen, zur Hälfte Muslime. Der Rat schloss die griechischen Schulen und eröffnete albanische, und im Oktober 1917 nahm das Französische Lyzeum von Korça als höhere Schule den Unterricht auf. Die Autonomie bestand bis Februar 1918.
Freischaren, Diaspora und Literarische Kommission
1915 entstanden bewaffnete Freischaren (Çeta), angeführt von Bajram Curri, Themistokli Gërmenji, Sali Butka und anderen.
Ihren Teil zur Bewahrung der Unabhängigkeit trug die Diaspora bei: der Verband „Vatra“ in den USA sowie die albanischen Gemeinden in Rumänien, Bulgarien, der Türkei, der Schweiz und Ägypten.
„Vatra“ wurde im April 1912 in Boston gegründet; laut Lehrbuch wurde Fan Noli zu ihrem ersten Vorsitzenden gewählt.
Selbst in den Jahren der Besatzung ging die Arbeit an der Sprache weiter. 1916 wurde in Shkodra die Albanische Literarische Kommission gegründet, die über die Rechtschreibung und die Literatursprache entschied. Sie arbeitete bis 1918, zu ihren Mitgliedern gehörte Gjergj Fishta.
Pariser Friedenskonferenz und Kongress von Lushnja
Nach dem Krieg drohte Albanien erneut die Teilung, und im Januar 1920 nahmen die Albaner den Wiederaufbau ihres Staates selbst in die Hand. Der Kongress von Lushnja wies die Teilungspläne zurück und bildete eine neue Regierung, die die Hauptstadt nach Tirana verlegte. Im Dezember desselben Jahres wurde Albanien Mitglied des Völkerbunds.
Im Dezember 1918 hatte der Kongress von Durrës die Regierung von Turhan Pascha Përmeti gebildet. Sie vertrat Albanien auf der Pariser Friedenskonferenz und forderte die Wiederherstellung der Unabhängigkeit sowie eine Revision der Grenzen von 1913. Generalsekretär der Delegation war Pater Gjergj Fishta. Im Juli 1919 schlossen Italien und Griechenland jedoch das Tittoni-Venizelos-Abkommen über die Aufteilung Albaniens, und im Januar 1920 einigten sich die Regierungschefs Großbritanniens, Frankreichs und Italiens auf einen Plan, das Land unter seinen Nachbarn aufzuteilen.
Die Pariser Friedenskonferenz wurde am 18. Januar 1919 eröffnet und tagte bis 1920. Gegen das Tittoni-Venizelos-Abkommen protestierte die albanische Delegation. Den Kompromiss der Großmächte lehnte US-Präsident Woodrow Wilson ab, und das half, die Teilung Albaniens abzuwenden.
Der Kongress von Lushnja
Der Kongress tagte im Januar 1920 im Haus von Kaso Fuga, zum Vorsitzenden wählten die Delegierten Akif Pascha Elbasani. Für Ordnung während der Sitzungen sorgte eine bewaffnete Freiwilligentruppe unter dem Befehl von Ahmet Zogu. Als ersten Beschluss erklärte der Kongress die volle Unabhängigkeit, die Ablehnung jedes ausländischen Protektorats und die Verteidigung der territorialen Integrität. Die Beschlüsse im Überblick:
| Beschluss | Einzelheiten |
|---|---|
| Regierung | Absetzung der als proitalienisch geltenden Regierung von Durrës, neue Regierung unter Sulejman Delvina |
| Staatsoberhaupt | Hoher Rat: Luigj Bumçi, Akif Pascha Elbasani, Abdi Toptani, Mihal Turtulli |
| Parlament | Nationalrat (Senat) |
| Hauptstadt | Tirana (zunächst provisorisch), die Regierung zog im Februar 1920 dorthin |
| Staatsform | Die Monarchie blieb bis zu einer verfassunggebenden Versammlung vorläufig bestehen, der Staat war säkular, alle Bürger waren vor dem Gesetz gleich |
Im Inneren hatte die Regierung Delvina gegen die Anhänger Esad Paschas zu kämpfen. Am 28. Mai 1920 wurde das Protokoll von Kapshtica über die Südgrenze bei Korça unterzeichnet, und am 17. Dezember 1920 nahm der Völkerbund Albanien auf.
Im selben Jahr 1920 fand in Lushnja ein Lehrerkongress statt. Er beschloss einheitliche Lehrpläne, eine gemeinsame Literatursprache und mehr Lehrer für die Dörfer.
Der Krieg von Vlora 1920
Im Sommer 1920 vertrieben die Albaner die Italiener mit Waffengewalt aus Vlora. Der Krieg begann im Juni und endete am 2. August mit dem Protokoll von Tirana: Italien zog aus Vlora ab, behielt aber die Insel Sazan.
Zu den wichtigsten militärischen Anführern zählte Qazim Koculi, die Hauptkräfte befehligte Ahmet Lepenica, und unter den gefallenen Kommandeuren war Selam Musai. Am 13. Juni desselben Jahres erschoss Avni Rustemi in Paris Esad Pascha Toptani.
Machtkämpfe 1921–1924
Die endgültige Anerkennung folgte am 9. November 1921: Die Botschafterkonferenz in Paris erkannte Albanien als unabhängigen Staat im Wesentlichen in den Grenzen von 1913 an, hob dabei aber eigens die Interessen Italiens hervor. Im Inneren tobte derweil ein erbitterter Machtkampf.
1921 entstand im Norden die „Republik Mirdita“, eine von außen angestachelte separatistische Bewegung. Im Dezember 1922 wurde Ahmet Zogu Ministerpräsident. Seine Gegner schlossen sich zusammen, unter anderem in der Gesellschaft Bashkimi („Vereinigung“), die Avni Rustemi 1922 gegründet hatte. Am 23. Februar 1924 schoss Beqir Valteri auf den Stufen des Parlaments auf Zogu, der den Anschlag jedoch überlebte.
Parlament und Parteien
Die wichtigsten politischen Figuren dieser Jahre waren Ahmet Zogu und Fan Noli. Die ersten Parlamentswahlen fanden im Frühjahr 1921 statt, und am 21. April 1921 nahm der neue Nationalrat seine Arbeit auf.
Im Rat bildeten sich zwei Kräfte heraus: die Volkspartei, zu deren Führern Fan Noli gehörte, und die Fortschrittspartei unter Hoxhë Kadri Prishtina. Im Dezember 1922 verabschiedete der Nationalrat das Erweiterte Statut von Lushnja, das bis zu einer endgültigen Verfassung als Grundgesetz galt. Die Wahlen zur Verfassunggebenden Versammlung im Dezember 1923 brachten Zogu keine stabile Mehrheit.
Kirche und muslimische Gemeinschaft
In denselben Jahren machten sich die Religionsgemeinschaften Albaniens von ausländischen Zentren unabhängig. Am 12. September 1922 rief der Orthodoxe Kongress in Berat die Autokephalie der Albanischen Orthodoxen Kirche aus. Im März 1923 beschloss der Kongress der muslimischen Gemeinschaft in Tirana die Loslösung vom Kalifat.
Junirevolution und Rückkehr Zogus
Die Junirevolution. Am 20. April 1924 wurde Avni Rustemi in Tirana tödlich verwundet. Er starb zwei Tage später, und sein Tod löste einen Aufstand aus. Am 10. Juni zogen die Aufständischen in Tirana ein, Zogu floh nach Jugoslawien, und am 16. Juni wurde Fan Noli Ministerpräsident. Seine Regierung verkündete ein Reformprogramm mit 20 Punkten, bekam aber weder Hilfe vom Völkerbund noch die Anerkennung der führenden westlichen Mächte. An Heiligabend, dem 24. Dezember 1924, kehrte Zogu mit Unterstützung aus Jugoslawien zurück und nahm Tirana ein. Noli floh nach Italien.
Der bewaffnete Kampf begann am 24. Mai 1924, als die Einheiten von Bajram Curri Regierungstruppen in Kruma angriffen.
Die Republik 1925–1928
Im Januar 1925 wurde Albanien zur Republik erklärt, am 31. Januar wählte man Ahmet Zogu für sieben Jahre zum Präsidenten. Auf dem Papier war die Republik parlamentarisch, in Wirklichkeit präsidial: Der Präsident leitete zugleich die Regierung und besaß ein absolutes Vetorecht.
Anfang 1925 erklärte die Verfassunggebende Versammlung Tirana zur Hauptstadt, festgeschrieben wurde dies in Artikel 6 des Grundstatuts der Republik.
Das Parlament bestand aus zwei Kammern, dem Senat und der Abgeordnetenkammer. Die Wahlen im Frühjahr 1925 gewann die Regierung, die wichtigsten Oppositionsführer befanden sich im Exil. Wirtschaftlich setzte das Land auf eine „Politik der offenen Tür“, bevorzugt wurde jedoch italienisches Kapital, das Konzessionen für Bodenschätze und Wälder erhielt. 1925 wurde die Nationalbank Albaniens gegründet, überwiegend mit italienischem Geld, und die Gesellschaft SVEA gewährte einen Kredit über 50 Mio. Goldfranken. Am 27. November 1926 unterzeichneten Albanien und Italien den Ersten Pakt von Tirana, im November 1927 folgte der Zweite, ein Verteidigungsbündnis.
Die Pakte von Tirana
Der erste Pakt öffnete Italien den Weg zur Einmischung in die inneren Angelegenheiten Albaniens: Sie war nicht nur auf Bitten der Regierung zulässig, sondern auch dann, wenn ihr Gefahr von inneren Bewegungen drohte. Der zweite Pakt gab Italien die Kontrolle über die albanische Armee, und Zogu bekam einen italienischen Militärberater zur Seite.
Ordnung und Repression
Mit Hilfe britischer Offiziere entstand eine schlagkräftige Gendarmerie. 1927 wurde ein Strafgesetzbuch verabschiedet, das half, für Ordnung zu sorgen und die Blutrache einzudämmen.
Zugleich verfolgte Zogu seine Gegner: Sie wurden verhaftet und verbannt. Laut Lehrbuch fielen politischen Morden unter anderem Luigj Gurakuqi und Bajram Curri zum Opfer.
Das Königreich Zogu 1928–1939
Am 1. September 1928 wurde Albanien zum Königreich erklärt, und Zogu nahm den Titel Zogu I., „König der Albaner“, an. Das Grundstatut bezeichnete das Land als „demokratisches, parlamentarisches und erbliches Königreich“ mit dem König als Staatsoberhaupt und Oberbefehlshaber. Der Senat wurde abgeschafft, das Parlament hatte nur noch eine Kammer.
Da das Statut von 1925 eine Änderung der Staatsform nicht zuließ, wurde eine neue Verfassunggebende Versammlung einberufen; die Wahlen dazu fanden am 17. August 1928 statt. Im Frühjahr 1938 heiratete König Zogu die ungarische Gräfin Geraldine Apponyi.

Unter der Monarchie kamen wichtige Reformen zustande. Ein neues Zivilgesetzbuch nach Schweizer Vorbild löste das islamische Recht, die Scharia, ab. Das Gesetzbuch von 1929 führte die Zivilehe und das Recht auf Scheidung ein. Im Oktober 1928 entstand die staatliche Organisation „Albanische Frau“ unter der Leitung von Prinzessin Senije Zogu. In den 1930er-Jahren betrieb das Regime eine Kampagne gegen Schleier und Tschador, das gesetzliche Verbot der Gesichtsverhüllung wird auf das Jahr 1937 datiert. Wie es Frauen in dieser Zeit erging, schildert Haki Stërmilli in seinem Roman Sikur t'isha djalë („Wenn ich ein Junge wäre“). Schon früher hatten sich die Schwestern Sevasti und Parashqevi Qiriazi für die Rechte albanischer Frauen eingesetzt.
Krise und Verhältnis zu Italien. Die Weltwirtschaftskrise traf Albanien in den Jahren 1929–1935. Die Regierung nahm einen Kredit bei Italien auf, verkleinerte den Staatsapparat, senkte die Zölle und verabschiedete ein Gesetz zur Agrarreform. 1931 lehnte Zogu es ab, den Ersten Pakt von Tirana zu verlängern. Damit begann die „albanisch-italienische Krise“. Albanien nahm an den Balkankonferenzen teil, schloss dann aber erneut Abkommen mit Italien.
Italien erhöht den Druck
Im Juni 1931 wurde ein italienisch-albanisches Abkommen unterzeichnet: Italien gewährte einen Kredit über 100 Mio. Goldfranken, der in jährlichen Raten ausgezahlt wurde. Im Juni 1934 demonstrierte die italienische Flotte ohne Vorwarnung ihre Stärke vor der albanischen Adriaküste.
Dennoch unterstützte Albanien die Sanktionen des Völkerbunds gegen Italien wegen der Eroberung Äthiopiens nicht. 1936 schloss die Regierung von Mehdi Frashëri neue Finanzabkommen mit Italien.
Schule und Literatur
Ein Gesetz von 1928 führte die allgemeine Grundschulpflicht ein, doch die Umsetzung war schwierig. 1932–1933 gab eine Reform dem Bildungswesen einen nationalen Charakter, die Privatschulen wurden geschlossen.
In den 1930er-Jahren traten junge Schriftsteller in die Literatur ein, unter ihnen Lasgush Poradeci und Migjeni.
Die Opposition
Gegen Zogu formierte sich Widerstand im Exil wie im Untergrund:
KONARE: das Nationale Revolutionskomitee unter Fan Noli, das eine demokratische Republik, eine Agrarreform und ein ethnisches Albanien forderte. Das Komitee sammelte die politische Emigration und arbeitete auf den Sturz Zogus hin.
„Nationale Einheit“: eine rechtsgerichtete Exilorganisation, die eine Republik nach westlichem Vorbild anstrebte.
Am 20. Februar 1931 verübten zwei Mitglieder der Gesellschaft Bashkimi in Wien, wo Zogu sich medizinisch behandeln ließ, ein Attentat auf ihn; sein Adjutant kam dabei ums Leben. Geschossen hatten Aziz Çami und Ndok Gjeloshi.
Im August 1935 brach der Aufstand von Fier aus. Er wurde binnen weniger Stunden niedergeschlagen, 242 Menschen wurden verhaftet. Zu den Beteiligten gehörte Riza Cerova. Daneben gab es die Bewegung von Delvina.
Die ersten kommunistischen Gruppen arbeiteten im Untergrund, vor allem in Shkodra und Korça. In Korça entstand im September 1933 die Arbeitergesellschaft Puna („Arbeit“), 1935 folgte eine weitere in Kuçova, und 1936 lösten die Behörden in Korça eine große „Brotdemonstration“ gewaltsam auf. Der Einfluss dieser Gruppen blieb begrenzt.
Im Februar 1936 organisierte Puna einen Generalstreik der Ölarbeiter mit einer Petition gegen die Arbeitsbedingungen und die italienischen Vorgesetzten. Der Streik wurde niedergeschlagen, die Gesellschaft aufgelöst.
Nach dem Aufstand von 1935 kam die liberalere Regierung von Mehdi Frashëri ins Amt (1935–1936), bekannt als Regierung der „Jungen“. Im April 1939 stellte das faschistische Italien Zogu ein Ultimatum, dessen Forderungen die Souveränität des Landes grob verletzten. Der König lehnte ab. Wie es weiterging, erzählt das nächste Kapitel.
Jenseits der Grenze: Albaner außerhalb von Albanien 1912–1939
Nach 1913 lebten viele Albaner außerhalb der Staatsgrenzen, im Kosovo, in Makedonien und in der Çamëria. Dort erwarteten sie Kolonisierung, Landenteignung und das Verbot ihrer Muttersprache. Sie antworteten mit bewaffnetem und politischem Widerstand.
Im Ersten Weltkrieg erlebte auch das Kosovo eine Besatzung: Im Winter 1915–1916 besetzten es bulgarische und österreichisch-ungarische Truppen. Im Oktober 1918 rückten französische Truppen ein und halfen der serbischen Armee bei ihrer Rückkehr.
1918 entstand in Shkodra das Komitee „Nationale Verteidigung des Kosovo“ unter Hasan Prishtina, Bajram Curri und Hoxhë Kadri Prishtina. Gegen die serbische Besatzung richteten sich der Aufstand von Dibra, die Kaçaken-Bewegung und die Organisation Xhemijet („Gesellschaft“) in Makedonien. In der Drenica führte Azem Bejta (Galica) die Kaçaken an, bis er 1924 im Kampf fiel. An seiner Seite kämpfte als Kommandeurin seine Frau Shote Galica.
Das Komitee verfolgte zwei Ziele: die Unabhängigkeit und territoriale Integrität Albaniens zu bewahren und das Kosovo sowie die übrigen albanischen Gebiete mit Albanien zu einem Nationalstaat zu vereinen.
Das Königreich Jugoslawien siedelte serbische und montenegrinische Kolonisten im Kosovo an und führte eine Agrarreform durch, die die Albaner zur Auswanderung drängte, vor allem in die Türkei. Wer keine jugoslawischen Eigentumsnachweise vorlegen konnte, verlor sein Land; das traf sehr viele. Albanische Schulen, Zeitungen und Bibliotheken gab es nicht. Am 7. März 1937 legte Vaso Čubrilović in Belgrad das Memorandum „Die Aussiedlung der Albaner“ vor. Den Widerstand trugen albanische Abgeordnete im jugoslawischen Parlament und das „Kosovo-Komitee“ im Exil weiter.
1938 unterzeichneten Jugoslawien und die Türkei ein Abkommen über die Umsiedlung von Muslimen, vor allem Albanern, nach Anatolien.
In der Çamëria errichteten die griechischen Behörden ein Militär- und Polizeiregime. Unter dem Vorwand, Waffen zu beschlagnahmen, wurden Hunderte Albaner auf Inseln der Ägäis verbracht. Beim griechisch-türkischen Bevölkerungsaustausch von 1923 wurde ein Teil der muslimischen Çamen in die Türkei umgesiedelt, obwohl sie offiziell gar nicht unter den Austausch fielen. Den Çamen wurden das Wahlrecht, das Recht auf Militärdienst und das Recht, ihr Eigentum zu verkaufen, entzogen. Die albanische Regierung brachte die Çamen-Frage mehrmals vor den Völkerbund.
Weiter geht es mit Albanien im Zweiten Weltkrieg. Zurück zu Wiedergeburt und Unabhängigkeit Albaniens.
Häufige Fragen
Warum wurde Tirana die Hauptstadt Albaniens?
Das beschloss die Regierung, die der Kongress von Lushnja im Januar 1920 gebildet hatte. Zunächst galt Tirana nur als provisorische Hauptstadt, im Februar 1920 zog die Regierung dorthin. Davor war unter Fürst Wied Durrës die Hauptstadt gewesen.
Wer war Fürst Wied?
Der deutsche Prinz Wilhelm zu Wied, den die Großmächte zum Herrscher Albaniens bestimmten. Er traf am 7. März 1914 in Durrës ein, konnte sich aber nicht an der Macht halten. Am 3. September 1914 reiste er wieder ab, nach etwa einem halben Jahr.
Was beschloss der Kongress von Lushnja?
Er wies die Pläne zur Teilung Albaniens zurück, setzte die proitalienische Regierung von Durrës ab und bildete eine neue unter Sulejman Delvina. Außerdem schuf er den Hohen Rat als kollektives Staatsoberhaupt und den Nationalrat als Parlament und verlegte die Hauptstadt nach Tirana.
Wann wurde Albanien ein Königreich?
Am 1. September 1928. Ahmet Zogu, seit 1925 Präsident der Republik, nahm den Titel Zogu I., „König der Albaner“, an. Das Königreich bestand bis zur italienischen Invasion im April 1939.
Was war die Junirevolution von 1924?
Ein Aufstand gegen Ahmet Zogu, der nach dem Mord an Avni Rustemi im April 1924 ausbrach. Am 10. Juni zogen die Aufständischen in Tirana ein, und Fan Noli übernahm die Regierung. Ende Dezember kehrte Zogu mit Unterstützung aus Jugoslawien zurück, und Noli musste fliehen.


